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Wissen und die Digitalisierung


Antonia Wetzler

Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann.

 – Francis Picabia 

 

Junge Menschen, die Digital Natives, sind die Zukunft von Unternehmen. Sie gehen in die Schule, machen eine Ausbildung oder studieren danach. Was in der Schule, der Lehre und dem Studium gelernt wird, werden sie ihr Leben lang können müssen. Handys, PCs und Tablets sind im Unterricht an den meisten Schulen und Berufsschulen ein Tabu. Dieses Denken ist längst nicht mehr zeitgemäß. 

In diesem Beitrag wollen wir uns auf die Folgen der Digitalisierung fokussieren. Besser gesagt der Digitalisierung und was das mit Wissen und jungen Menschen zu tun hat, die noch nicht oder gerade erst in die Arbeitswelt eingetreten sind. Die Fragen, die wir uns also stellen sind: Wie hat die Digitalisierung den Umgang mit Wissen für junge Menschen, die am Beginn ihres Arbeitslebens stehen, verändert? Und in welche Richtung muss sich das Denken in der Unternehmenswelt ändern, damit Wissen optimal eingesetzt werden kann? Um das zu verstehen, müssen wir uns erst einmal anschauen, was Digitalisierung eigentlich bedeutet. 

 

Was ist Digitalisierung also überhaupt? 

Häufig wird Digitalisierung mit Technologie gleichgesetzt. Da es in diesem Beitrag um das Thema Wissen geht, nehmen wir ein simples Beispiel: Ein Sachbuch. Das würde bedeuten, dass man das Buch einfach abfotografieren könnte, es in einem Datenmanagementsystem ablegen würde und es dann, wenn man eine Information aus dem Buch braucht, im System sucht und das Buch nochmals lesen müsste, um die benötigten Informationen zu bekommen. Das alleine ist allerdings keine Digitalisierung. Warum? Dinge müssen alltagstauglich sein und die Technologie muss von den Menschen akzeptiert werden. Was heißt das also? Nimmt man die Informationen aus dem Buch und verknüpft sie mit weiteren Informationen, dann ist der Effekt, den wir damit erzielen um ein vielfaches größer. 

Wir sollten das Wort Digitalisierung also streichen und stattdessen die Worte Vernetzung und Automatisierung verwenden. Mit Vernetzung meinen wir: Handlungen und Erlebnisse in der physischen Welt durch Technologie mit der digitalen Welt für den Menschen in Einklang bringen. Vernetzung schließt alle Ebenen mit ein – Produkt, Mensch, Technologie und das Arbeitsfeld. Wir wollen ein für den Menschen brauchbares Erlebnis erzielen. Das heißt, wir müssen einen Mehrwert schaffen. Im Beispiel des physischen Buches, das schlicht und einfach in eine digitale Form gebracht wird, schaffen wir das jedoch nicht. Ein brauchbares Erlebnis für den Menschen mit dem erhofften großen Effekt ist nur möglich, wenn wir vernetzen. Das heißt, Neuland betreten und über den Tellerrand hinausschauen. So schaffen wir es, verschiedene Daten zusammenzubringen, die man vorher nicht gesehen hat. Automatisierung kommt dann automatisch. 

Da wir jetzt verstehen, was Digitalisierung bedeutet, schauen wir und uns an, welche Folgen die Vernetzung für unser Wissen hat. 

 

Die Digitalisierung und die Folgen für das Wissen? 

Ein kleines Experiment. Fragt eure Großeltern oder Eltern nach einer gelernten Theorie oder etwas, was sie in ihrer Ausbildung oder ihrem Studium beigebracht bekommen haben. Die meisten werden euch etwas auswendig aufsagen können. Wissen, das man sich einmal in der Lehre oder dem Studium angeeignet hat, sollte man sein komplettes Berufsleben brauchen. Auf das Wenigste mag dies allerdings wirklich zutreffen.

Springen wir zurück in die Gegenwart. Wenn man Studierende fragt: “Was hast du letztes Semester gelernt?” oder “Kannst du mir sagen, was diese Theorie bedeutet?” Dann erntet man höchstwahrscheinlich ein fragendes Gesicht oder ein müdes Schmunzeln. Kurz darauf wird das Handy gezückt. Wissen Studierende von heute also nichts mehr? Das wird jedenfalls häufig von der etwas älteren Generation behauptet. Warum ist das so?  

Zunächst. Wir glauben zu wissen, was Wissen ist, aber wissen wir was Wissen ist? Traditionell wird Wissen definiert als wahre, gerechtfertigte Überzeugung. Die Fähigkeit, zu Wissen zu gelangen, also wahre und gerechtfertigte Überzeugungen auszubilden, kann beschrieben werden als Fähigkeit, Daten in einen Kontext zu stellen, um daraus für sich selbst eine Bedeutung abzuleiten. Daraus entstehen Informationen, aus denen wir dann eine Handlung ableiten können (1).

Wichtig ist hier vor allem der Kontext. Ohne Computer, ohne Internet und vor dem ersten Modem oder dem ersten Smartphone war es durchaus vorteilhaft, Fakten auswendig zu wissen. Hierbei spricht man vom sogenannten Verfügungswissen. Wissen wurde und wird auch heute deshalb  fast ausschließlich mit dem Aufsagen von Informationen gleichgesetzt. Aber wie wir gelernt haben, ist das nicht ganz richtig. Diese Glaubenssätze stammen aus einem völlig anderen Kontext als heute. Zu verstehen, dass Studenten wissen. Schüler wissen. Azubis wissen. Erinnert euch daran, was Wissen bedeutet. Wissen ist kontextbezogen. Studenten, Schüler, Azubis oder Berufseinsteiger befinden sich im Kontext der Digitalisierung. Sie vernetzen. Schaffen einen Mehrwert. Durch die Digitalisierung wird Wissen nicht mehr im Kopf gespeichert. Mit Google, Bing oder anderen Suchmaschinen ist Verfügungswissen immer – und vor allem schnell, von überall aus – zugänglich. Wir vernetzen die durch das wachsende Weltwissen entstandenen Inseln des Wissens. Die Digitalisierung automatisiert diesen Routineprozess. 

Doch wer jetzt glaubt, dass Wissen immer mehr wird, der irrt sich. Wissen wird tatsächlich immer seltener, weil es immer schwerer wird den Kontext richtig einzuordnen. Enormes Orientierungswissen wird benötigt, um sich in den großen Mengen an Verfügungswissen zurechtzufinden. Durch die zunehmende Komplexität muss mehr investiert werden, um Sachverhalte zu verstehen. Der Experte wird damit immer wertvoller. 

 

Die Digitalisierung und der Einstieg in die Arbeitswelt

Die Digitalisierung bzw. die Vernetzung ändert die Art und Weise, wie wir uns Wissen aneignen und welches Wissen wir benötigen. Doch die auch heute genutzten Lehrmethoden können den sich ändernden Ansprüchen der Vernetzung nicht gerecht werden. Lehrer und Dozenten verlangen, dass Fakten auswendig gelernt werden. Sie bringen Schülern und Studenten das stumpfe Auswendiglernen bei. Das gelernte wird dann lediglich in der nächsten Klausur wieder auf das Papier ‘gekotzt’ (ich entschuldige mich für die Wortwahl) – das sogenannte Bulimielernen. Doch sich Wissen durch pures Auswendiglernen anzueignen ist nicht mehr das, was wir in der modernen digitalen Arbeitswelt brauchen. Wir brauchen mehr Wissen in Form von Kreativität, weniger auswendig gelerntes Faktenwissen. 

Kreativität speist die Digitalisierung eines Unternehmens. Durch die zunehmende Vernetzung verändert sich auch die Arbeitswelt. In der modernen Arbeitswelt wird immer häufiger verlangt, sich selbstständig relevantes Wissen anzueignen, um daraus eine passende Handlung ableiten zu können. Den einen Weg zur Lösung einer Fragestellung gibt es schon lange nicht mehr und auch die Umwelt, in der Unternehmen existieren wandelt sich. Märkte und Industrien werden immer anfälliger, unsicherer, komplexer und ungewisser (= VUCA). Das verlangt Mitarbeiter, die reaktionsfähig sind, die die Richtung des Denkens immer wieder ändern können. Mitarbeiter, die sich Wissen in diesem neuen und veränderten Kontext selbstständig aneignen und verschiedene Ebenen miteinander verknüpfen können. Orientierungswissen wird nun größer geschrieben als Verfügungswissen.  

Treten Digital Natives nun in die Arbeitswelt ein, kann es Schwierigkeiten geben, weil sich das gelernte nicht optimal transferieren lässt. Ein hohes Maß an Verfügungswissen und wenig Fokus auf Orientierungswissen bringt meist wenig in der modernen Arbeitswelt. Das was im Studium oder der Ausbildung gelehrt wird und das, was tatsächlich in der Unternehmenswelt benötigt wird, passt nicht mehr passgenau zusammen. 

 

Fazit

Wie hat die Digitalisierung also den Umgang mit Wissen für Digital Natives, die am Beginn ihres Arbeitslebens stehen, verändert?  Und in welche Richtung muss sich das Denken in der Unternehmenswelt ändern, um Wissen im Kontext der Digitalisierung optimal einsetzen zu könne? 

Durch die Digitalisierung benötigen Digital Natives kein außerordentlich großes Verfügungswissen mehr. Sie brauchen vermehrt Orientierungswissen, um die komplexen Wissensinseln zu verknüpfen. Jedoch halten Bildungseinrichtungen immer noch größtenteils an der Vermittlung von Verfügungswissen fest und schaffen dadurch eine Kluft zur modernen Arbeitswelt. Diese Kluft kann zum größten Teil nur durch die Art der Lehre selbst beseitigt werden. Dennoch liegt es auch an den Unternehmen, umzudenken. 

Besonders traditionell denkende Unternehmen müssen lernen, anders über Wissen zu denken und ihre Unternehmenskultur dahingehend ein Stück weit zu verändern bzw. anzupassen, um von Wissen im Kontext der Digitalisierung zu profitieren. Wie Wissen bei jungen Digital Natives durch die Digitalisierung verändert wird, kann auch einen Vorteil für Unternehmen bieten. Das Arbeiten in Teams ist dabei wichtiger denn je. Erst dadurch können die vielen und doch wenigen Experten verknüpft werden und vielfältige Teams können gemeinsam ihr volles Potenzial entfalten. 

Die Rollen verändern sich durch die Digitalisierung. Doch nicht alle sind sich ihrer neuen Rolle bewusst. 

 

 

 

 

(1) Schütt, Peter (2012). Was ist Wissen?. Wissensmanagement, 1, S. 35-37.

 

06.07.2020

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